Gebären und Stillen
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Vom Wert des Gebärens – welche Geburtshilfe wollen wir?

Rede von Dr. Bärbel Basters-Hoffmann

Wir alle kennen das - Kreissaal: Frau, 32 Jahre, I. Gebärende, Geburtseinleitung über Termin, es ist eine großes Kind, die Geburt zieht sich hin, zäh, schmerzhaft. Dem Kind geht es zwar gut, die Herztöne sind o.k., Fruchtwasser klar, aber die Frau quält sich, ist zunehmend erschöpft, sagt, sie könne nicht mehr. Wir treiben sie weiter, tragen sie weiter und dann sitze ich im Kreißsaal und denke: was tun wir hier eigentlich?

Unsere Aufgabe und unser Selbstverständnis, vor allem von uns Ärzten, ist es doch Schmerzen zu vermeiden oder zu beseitigen. Wir sorgen dafür,  dass unsere Patienten gut schlafen, ausreichend essen und trinken, dass ihnen nicht übel ist, sie sich nicht übergeben...und genau das Gegenteil ist unsere Realität im Kreißsaal.

Nach der Geburt sitzen wir dann im Hebammenstübchen zusammen und fragen uns, ob wir das jetzt gut gemacht haben. Wäre eine PDA nicht doch hilfreich gewesen? Hätten wir doch großzügig die Sectio indizieren müssen? Wie können wir uns so sicher sein, dass das Gebären den Einsatz wert ist?

Und jedes Mal kommen wir doch zu dem Schluss, dass es richtig ist, was wir tun. Wir sind überzeugt davon, dass wir die einzig richtige Geburtshilfe machen.

Vor 30 Jahren hätte sich überhaupt niemand in Frage gestellt. Da war spontan Gebären das normalste von der Welt, der selbstverständliche Auftrag an jede neue Generation Mütter. Bestandteil unseres Miteinanders, unserer Kultur.

War die Stunde gekommen, musste sich Frau stellen. Sie wusste, es wird nicht unbedingt leicht, aber letztlich machbar, sie sah sich in einer Reihe mit all den anderen Müttern dieser Welt.

Die Frage nach dem Wert des Gebärens oder dem Für und Wider des Gebärens stellte sich erst in dem Moment, in dem es möglich geworden war zu wählen.

Einen ganzen Supermarkt an Alternativen gibt es heute für uns -  Wahlmöglichkeiten, den Geburtsort, die Art der Geburtsbegleitung betreffend, sogar bis hin zu der Wahl, will ich überhaupt gebären oder nehme ich den Kaiserschnitt...

Trotz aller Wahlmöglichkeit – was hindert uns denn eigentlich daran, einfach Ja  zu sagen zum Gebären, zu unserer Natur, zu unserer Physiologie?

reden wir über Verantwortung:

Geburten wären eigentlich eine feine Sache, wenn da nicht die Mütter wären. Heutzutage gelten für viele Geburtshelfer die Mütter als der Risikofaktor jeder Geburt. Geburtshelfer unterstellen Frauen Verantwortungslosigkeit, nur weil sie auf ihren Körper hören und sich eigener Kompetenz sicher sind. Sie unterstellen ihnen Egoismus, weil sie die Geburt auch für sich selbst passend gestalten wollen. Das Selbstverständliche von Schwangerschaft, Gebären und Stillen ist verloren. Das Normale ist längst nicht mehr normal. Das führt auf beiden Seiten zu Verunsicherung , auf der der Frauen und auf der der Geburtshelfer. Und Angst ist immer ein schlechter Ratgeber. Das Kind zu klein, oder zu groß, der Kopf zu groß oder zu klein, das Becken eng, die Beckenendlage und und und – mehr als 60% aller Schwangerschaften gelten bei uns als Risikoschwangerschaften – und auf die Kontrollen folgen die Interventionen. Schnell sind Risiken eingeredet, den Frauen dringend die kontrollierte operative Entbindung im Perinatalzentrum nahe gelegt. Die Natur ist unzulänglich, wir müssen sie optimieren. Frauenkörper sind unzuverlässig, wir müssen sie kontrollieren, und dem werdenden Kind unseren medizinischen Schutz angedeihen lassen.

Ohne mit der Physiologie der Geburt genau vertraut zu sein und die Psychosomatik der Geburt sowieso verneinend, wird mit akademischer Überheblichkeit abgetan, dass die Natur gut für das gute Gelingen von Geburten vorgesorgt hat.

Verantwortungsvolle Eltern und Geburtshelfer gehen den Weg größtmöglicher Sicherheit, Sicherheit ist vermeindlich nur durch evidence based medicin und einen effizienten technischen Apparat zu gewährleisten.

reden wir doch über Sicherheit:

der Mensch hat sich die Natur unterworfen – übrigens oft genug zu seinem eigenen Schaden. Mit unseren wissenschaftlichen Erkenntnissen und unseren technischen Möglichkeiten haben wir fast alles im Griff. Wir besiegen das Alter, Krankheit, Behinderung und den Tod. Naturgegebene Grenzen unserer menschlichen Existenz verdrängen wir, wir ertragen sie nicht – schon gar nicht im Zusammenhang mit der Geburt eines ersehnten Kindes. Schicksal oder Fügung gibt es nicht. So gaukeln wir uns Sicherheit vor, doch die ist Illusion.

Da können wir nun mal machen was wir wollen, klug sein, gut sein, kontrollieren, wagemutig sein oder uns verstecken – 100%ige Sicherheit gibt es trotzdem nie. Menschsein ist Anfang und Ende, Geburt und Tod, Gesundheit und Krankheit. Welche Überheblichkeit, welcher Machbarkeitswahn lässt uns den Schwangeren und Gebärenden erzählen, wir garantierten Ihnen Sicherheit?

Geburt ist heutzutage ja maximal sicher. Zwar ist die eigentliche geburtshilfliche Kunst immer die gleiche – aber Hygiene, Beherrschung schwerer Blutungen und der Kaiserschnitt – das alles hat den Durchbruch für Mütter und ihre Kinder gebracht. Garantien kann es dennoch nie geben. Das Schicksal wird uns immer wieder ereilen und zwar völlig unabhängig davon, wie ängstlich oder wie mutig wir agieren. Unabhängig davon, ob wir mehr kontrollieren oder mehr vertrauen.

Warum ist es eigentlich so unmöglich, Schwäche einzugestehen?

reden wir über unser Menschenbild: was ist uns wert und teuer? Was sind zeitgemäße Werte?

Indem wir uns für eine Form der Geburtshilfe positionieren, stimmen wir darüber ab, was für uns relevante Werte sind.

Das kann Planbarkeit sein, Kontrolle, stringente Lebens- und Karriereplanung. Das kann ein Schönheitsideal sein oder einfach das klare Bild von einer modernen Frau oder zeitgemäßer Lebensweise.

Das können die „ altmodischen Tugenden“ sein wie Disziplin,  Durchhaltevermögen und Pflichtbewusstsein.

Das können die sog. Oxytocin-Werte sein, wie Bindung, v.a. dauerhafte Bindung, Kooperation, soziale Intelligenz, Gemeinsinn.

Oxytocinsystem bedeutet auch Nachhaltigkeit und ressourcenorientiertes Leben.

Oxytocin repräsentiert das Prinzip von Liebe und Verantwortung in unserem Leben.

Was ist wirklich wertvoll?

Bis in die 70er Jahre des vergangenen Jahrhunderts stand für die Geburtshelfer das gesunde Überleben der Mutter absolut im Mittelpunkt. Bedingt durch die zunehmende Möglichkeit das Kind zu überwachen, wuchs auch berechtigterweise der Anspruch auf ein gesundes Kind. Im Zuge dieser Entwicklung ist uns jetzt aber die Frau mit ihrem eigenen Anspruch auf eine selbst bestimmte Geburt und ihre seelische und körperliche Unversehrtheit komplett aus dem Fokus gerutscht.

Und hat nicht vielleicht auch das Kind einen Anspruch darauf, von seiner Mutter geboren zu werden? Zur Welt gebracht zu werden? Gebären ist doch zutiefst menschlich. Geburt ist Menschlichkeit und Menschwerdung. Gebären ist Teil unserer Kultur.

Die Frage nun nach dem Wert des Gebärens unterliegt also individueller Bewertung. So wird es immer unterschiedliche Wege geben, ein Kind zur Welt zu bringen und es steht uns auch nicht zu, diese zu bewerten.

Wir hier am Diakoniekrankenhaus wir haben uns aber entschieden für mehr Oxytocin in unserem Kreißsaal, in unseren Familien und unserer Gesellschaft.

Wir haben uns entschieden für einen vertrauensvollen und respektvollen Umgang mit Schwangerschaft und Geburt im Wissen um eine weise Natur, perfekte physiologische Anpassung von Mutter und Kind und die weibliche Potenz. Und wir sind uns sicher, dass wir das Richtige tun.

Wir haben uns entschieden für Zurückhaltung, dafür,  Raum zu geben. Raum  für individuelle Verläufe und Bedürfnisse – Raum im Wortsinn, vor allem aber in unseren Köpfen und unseren Herzen.

Mit unserer Erfahrung, mit all unserem Können und der medizinisch-technischen Ausstattung einer großen geburtshilflichen Abteilung stehen wir im Hintergrund bereit. Wir sind Geburtshelfer, keine Geburtsmacher, keine Geburtsmediziner.

Wir wollen unser Wissen und unsere guten Erfahrungen mit ungewöhnlichen, nicht linearen Geburtsverläufen, mit BEL, Terminüberschreitungen und Frauen im Z.n. Sectio weitergeben. Deshalb eröffnen wir hier heute stolz und feierlich unsere geburtshilfliche Akademie „Gebären und Stillen“, denn wir wollen werben für die Werte, die unseres Erachtens für unser Zusammenleben grundlegend sind und hoffen, dass die Anerkennung dieser Werte zu einem Umdenken in der Geburtshilfe führt. Menschenwürdige Geburtshilfe ist personalintensiv, zeitintensiv und dadurch teuer. Aber alles, was wir hier investieren, investieren wir in uns selbst.